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Katrin-Susanne
Richter
KSR

Das Schweinehund-Dilemma

Vom Anhören oder Ignorieren der inneren Opposition

Innere Konflikte können Sie am besten lösen, wenn Sie die Anliegen der verschiedenen inneren Stimmen verstehen. Doch mit Ihrem inneren Schweinehund sollten Sie nicht lange diskutieren. Leider lässt sich dieser von legitimer Opposition nicht immer leicht unterscheiden.

Du bist dir nur des einen Triebs bewußt;
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Verse 1110-1117)
 

Was Goethes Faust hier so poetisch beklagt, ist eigentlich ein recht alltägliches Problem. Auch Sie haben sich gewiss schon manches Mal damit herumgequält, dass Ihr Wollen widersprüchlich war. Ein innerer Konflikt kann als deutlicher Zwiespalt erlebt werden oder auch als diffuse Ambivalenz:

  • Sie streben nach mehreren Zielen, die miteinander unvereinbar scheinen.
  • Sie wollen etwas und wollen es gleichzeitig irgendwie auch nicht.
  • Sie glauben, etwas zu wollen, und können sich doch nicht durchringen, es umzusetzen.

Ein zwiespältiger Wille fühlt sich an, als würden Sie mit angezogener Handbremse fahren. Sie sehnen sich nach Klärung, nach Eindeutigkeit, um endlich alle Ihre Energie in eine klar entschiedene Richtung lenken zu können. Für das Erlangen dieser Eindeutigkeit gibt es im Grunde zwei entgegengesetzte Strategien. Doch was in der einen Situation nützt, kann in einer anderen Situation eher schaden. Um dieses Dilemma soll es im Folgenden gehen.

Das Verständnis von inneren Konflikten ist nicht nur für Ihr Selbstmanagement wichtig. Es gehört auch zur Menschenkenntnis, die den Umgang mit anderen Personen erleichtert. Kunden, Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte sind manchmal ambivalent. Ihre Reaktionen darauf können hilfreich sein oder den Konflikt des anderen noch verschärfen. Auch darum lohnt es sich, die möglichen Nebenwirkungen bestimmter Ratschläge zu kennen.

Strategie 1: Den inneren Dialog moderieren

Einen inneren Konflikt können Sie klären, indem Sie aufmerksam Ihren Gedankenfluss belauschen und versuchen, die unterschiedlichen Stimmen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen zu identifizieren. Jede Ihrer inneren Stimmen hat ein Anliegen, für das sie sich einsetzt, und sie ist überzeugt, dass sie Ihnen damit dient.

Welche Stimmen sich an einem Konflikt beteiligen, hängt vom Thema ab. Manche vertreten unterschiedliche Werte oder Ideale. Die Stimme der Ästhetik findet die Grafiken in der Standardpräsentation hässlich und befürchtet, dass Sie damit beim Kunden schlecht ankommen. Die Stimme der Effizienz meint, dass es Wichtigeres gäbe als an der bewährten Präsentation herumzufummeln.

Manchmal repräsentieren die Stimmen auch verschiedene Rollen, die Sie in der Außenwelt einnehmen. Wenn Sie gleichzeitig erfolgreiche Managerin und fürsorgliche Mutter sein wollen, werden die Managerin und die Mutter in Ihnen manchmal um knappe Zeitressourcen kämpfen. Kaum haben sich diese beiden miteinander arrangiert, tritt vielleicht noch eine weitere Stimme auf, die Sportlerin, die Geliebte, die gesellige Gastgeberin oder die Leserin langer Romane, die ebenfalls Ansprüche anmeldet.

Die einzelnen Stimmen betrachten die Situation jeweils aus ihrer eigenen Perspektive, also mit beschränktem Blick. Es kann sein, dass sie die Lage falsch einschätzen und ihr eigenes Anliegen überbewerten. Manche neigen dazu, andere anzugreifen oder abzuwerten. Häufig sprechen sie durcheinander oder fallen sich gegenseitig ins Wort, so dass schwer zu verstehen ist, was sie eigentlich wollen. Darum ist es wichtig, einen respektvollen inneren Dialog zu etablieren. Erst wenn Sie die unterschiedlichen Anliegen der Stimmen klar erkennen, können Sie eine befriedigende Lösung finden.

Wenn ich in einem Coaching-Gespräch bemerke, dass mein Klient mit sich selbst uneins ist, kann ich ihm helfen, indem ich die Stimmen, die ich wahrnehme, benenne: "Ich höre hier eine Stimme, der die Loyalität zu Ihrem Vorgesetzten sehr wichtig ist. Aber da ist noch eine andere Stimme, deren Anliegen ich nicht klar verstanden habe. Sorgt sie sich um das Wohl der Kunden oder was will diese andere Stimme?" Ich lasse den Klienten abwechselnd aus den unterschiedlichen Perspektiven sprechen und spiele dabei die Moderatorin, die aufpasst, dass alle Stimmen ausreden dürfen und dass die lauteren nicht die leiseren unterdrücken.

Mit professioneller Hilfe ist es natürlich leichter, solche Konflikte zu lösen. Aber mit etwas Konzentration und Disziplin können Sie Ihren inneren Dialog auch selbst moderieren. Dazu erfinden Sie einfach eine neutrale Moderatorenstimme, deren Aufgabe es ist, die anderen Stimmen reihum zu befragen und deren Anliegen herauszuarbeiten. Die Schwierigkeit besteht darin, die Stimmen getrennt zu halten, also deren Argumentationen nicht zu vermischen. Das gelingt zum Beispiel mit folgenden Techniken:

  • Räumliche Trennung: Wenn Sie als Managerin sprechen, sitzen Sie auf dem Schreibtischstuhl, und wenn Sie als Mutter sprechen, stehen Sie am Fenster.
  • Schriftlicher Dialog: Sie schreiben die Sichtweisen der beteiligten Stimmen in Dialogform auf. Dazu notieren Sie erst den Namen der angesprochenen Stimme und dann das, was sie zu sagen hat.

Die Separation der Stimmen dient lediglich dem Zweck, Ihren inneren Konflikt zu klären. Sobald eine Lösung gefunden ist, können Sie wieder zu einem einzigen Ich verschmelzen. Persönlichkeitsspaltungen sind anstrengend. Die sollten Sie nicht lange aufrecht erhalten.

Risiko bei Strategie 1: Unnötige Diskussionen mit dem inneren Schweinehund

Im vorigen Abschnitt habe ich unterstellt, dass alle Ihre inneren Stimmen im Grunde gute Absichten haben, auch wenn ihre Wirkung nicht immer positiv ist. Ihr innerer Schweinehund ist eine solche Stimme, die Ihnen kurzfristig Genuss oder Bequemlichkeit verschaffen will und mit diesem Anliegen Ihre langfristigen Pläne oder höheren Ziele sabotiert. Er hat ein schlechtes Gedächtnis und interessiert sich nur für das Hier und Jetzt. Deswegen haben Sie mit ihm immer wieder dieselben Diskussionen. Wenn Sie morgens regelmäßig joggen wollen, gibt es jedes Mal das gleiche Gemaule und der Schweinehund hat wieder vergessen, wie gut Ihnen das Laufen tut und wie beschwingt Sie danach den neuen Tag beginnen.

Ein gewiefter innerer Schweinehund kann Ihre Bereitschaft zum Dialog schamlos ausnutzen, um sich vor ungeliebten Tätigkeiten zu drücken. Er produziert ein diffuses Unbehagen, dem Sie bitte sofort auf den Grund gehen sollen, oder er zettelt eine Grundsatzdiskussion über den Sinn von Morgensport an, bis die Zeit fürs Joggen leider zu knapp ist und Sie wieder einmal untrainiert zur Arbeit fahren müssen. In solchen Fällen erweist sich Dialog als genau die falsche Entscheidung. Besser wäre es, dem Schweinehund das Maul zu verbieten und seine Einwände zu ignorieren.

Strategie 2: Störende Stimmen ignorieren

Es gibt also Stimmen, denen Sie lieber nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken sollten. Der innere Schweinehund, der Sie von wichtigen Vorhaben ablenkt, ist der bekannteste Vertreter dieser Gattung. Vielleicht kennen Sie aus eigener Erfahrung noch weitere Saboteure, die Sie mit unproduktiven Gedankeninhalten belästigen, wie zum Beispiel:

  • Verinnerlichte negative Glaubenssätze, die Ihren Mut immer wieder mit Selbstzweifeln untergraben: "Dafür bin ich zu doof, zu unattraktiv. Das steht mir nicht zu."
  • Unproduktive Denkgewohnheiten wie langes Grübeln über mögliche Katastrophen oder vergangene Fehlleistungen, das Ihnen keine neuen Erkenntnisse bringt, sondern nur Zeit kostet und schlechte Laune macht.

Es erfordert Selbstdisziplin, solche Stimmen zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich von ihnen verführen zu lassen. Manche Meditationstechniken haben den Zweck, genau diese Fähigkeit der Distanzierung von den eigenen Gedanken zu trainieren. Wenn sich dann mal wieder ein Saboteur zu Wort meldet, können Sie sich sagen: "Ach, den kenne ich schon. Das ist der alte Miesmacher. Von dem lasse ich mich aber nicht verunsichern."

Risiko bei Strategie 2: Relevante Einwände werden unterdrückt

Doch auch diese Strategie hat einen Haken, denn sie setzt voraus, dass Sie die Stimme, die Sie ausblenden, bereits als schädlich identifiziert haben. Diese Einschätzung kann manchmal falsch sein. Dann ignorieren Sie womöglich eine Stimme, die etwas Wichtiges zu sagen hat.

Stimmen, die altbekannte Denkmuster wiederholen, treten nämlich viel lauter und eloquenter auf als Stimmen, die sich in neues Gedankenterritorium vorwagen. Ein neuer wichtiger Zweifel wird anfangs oft nur als diffuses Unbehagen wahrgenommen. Er kann sich noch gar nicht klar artikulieren. Das macht es den Stimmen, die die derzeit herrschende Meinung vertreten, ziemlich leicht, die aufkeimende Opposition zu unterdrücken. Die Stimme des Zweifels, die bei Nachfrage nicht sofort mit starken Argumenten überzeugen kann, wird schnell als Saboteur diffamiert und ausgegrenzt.

Die unterdrückte Opposition ist aber auch nicht machtlos. Wenn das Anliegen wichtig ist, kann sie sich auf Dauer Gehör verschaffen, indem sie nun tatsächlich zum Mittel der Sabotage greift. Sie kann streiken, Ihre Konzentration stören, Ihre Kreativität blockieren, Ihre Energie drosseln, große Unlust verbreiten und Sie sogar krank werden lassen, bis Sie endlich doch einmal richtig zuhören. Und dann stellen Sie überrascht fest, dass der Schweinehund eigentlich gar kein Schweinehund ist, sondern eine Stimme der Weisheit, die Ihnen sagen wollte, dass die Karriere, die Sie so vehement verfolgen, gar nicht gut für Sie ist oder dass das Projekt, von dem Sie sich so viel versprechen, auf unrealistischen Annahmen basiert.

Das Entscheidungs­dilemma: Saboteur oder legitime Opposition?

Beide Strategien haben etwas gemeinsam: Ob Sie Ihren inneren Dialog moderieren wollen oder störende Stimmen ignorieren, beides erfordert, dass Sie sich von Ihren Gedanken distanzieren. Mit der Moderatorenstimme nehmen Sie eine neutrale Position ein, aus der Sie die Anliegen der anderen Stimmen erforschen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Und wenn Sie dem Schweinehund das Maul verbieten, grenzen Sie sich ebenfalls klar von ihm ab.

Das Dilemma besteht darin, dass Sie eine undeutliche Stimme ohne Dialog nicht sicher einordnen können. Spricht hier ein Saboteur oder eine legitime Opposition? Und welche Strategie ist daher die richtige? Diese Zwickmühle lässt sich auch als Matrix darstellen:

Sie entscheiden sich für den Dialog, weil Sie die Argumente der Stimmen für relevant halten Sie entscheiden sich gegen den Dialog, weil Sie die Einwände der Opposition für irrelevant halten
Ein Dialog würde ergeben: Die Argumente der Stimmen sind relevant Entscheidung war richtig: Konfliktlösung durch Dialog mit allen Stimmen Entscheidung war falsch: Schlechte Ergebnisse oder Zeitverlust durch Unter­drückung der Opposition
Ein Dialog würde ergeben: Die Einwände der Opposition sind irrelevant Entscheidung war falsch: Zeitverlust durch unnötigen Dialog mit der Opposition Entscheidung war richtig: Effiziente Umsetzung durch Ignorieren der Opposition

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Sie entscheiden sich für den Dialog, weil Sie die Argumente der Stimmen für relevant halten Sie entscheiden sich gegen den Dialog, weil Sie die Einwände der Opposition für irrelevant halten
Ein Dialog würde ergeben: Die Argumente der Stimmen sind relevant
Entscheidung war richtig: Konfliktlösung durch Dialog mit allen Stimmen Entscheidung war falsch: Schlechte Ergebnisse oder Zeitverlust durch Unter­drückung der Opposition
Ein Dialog würde ergeben: Die Einwände der Opposition sind irrelevant
Entscheidung war falsch: Zeitverlust durch unnötigen Dialog mit der Opposition Entscheidung war richtig: Effiziente Umsetzung durch Ignorieren der Opposition

Es gibt immer ein gewisses Risiko, dass Sie sich für die falsche Strategie entscheiden. Das können Sie reduzieren, aber nicht eliminieren, wenn Sie sich an folgende Faustregeln halten:

  • Geht es um Routineaufgaben und sind Sie der Stimme, die Sie von Ihrem Kurs abbringen will, schon häufig begegnet? Dann handelt es sich vermutlich um Ihren inneren Schweinehund, den Sie besser an der kurzen Leine halten.
  • Bemerken Sie über einen längeren Zeitraum eine stetige Verschlechterung Ihrer Motivation und Laune? Dann sollten Sie unbedingt in sich hineinhören und auch die leiseren Stimmen zum Sprechen ermutigen. Möglicherweise wird hier eine legitime Opposition unterdrückt, die Ihnen etwas Wichtiges sagen will.
  • Geht es um ein Thema, bei dem Sie noch unentschlossen sind, oder um eine neue Situation, mit der Sie noch keine Erfahrung haben? Dann lassen Sie sich von all Ihren inneren Stimmen beraten. Dabei können Sie nur gewinnen.